Ein Bosnien-Besuch mit Ella Wünsche zur Veröffentlichung des Romans »Der Duft von Erdbeersaft«.

Dieser Text erschien zuerst im Magazin der »Lieblingsautoren« zur Leipziger Buchmesse 2016.

Text: Daniel Morawek

Ella Wünsche liebt Geschichten. Die Heidelberger Autorin mit bosnischen Wurzeln findet die Inspirationen häufig im echten Leben. In ihrem neuesten Roman „Der Duft von Erdbeersaft“ erzählt sie von Annie, die zur strebsamen Tochter erzogen wurde und gerade ihr Studium im Rekordtempo absolviert. Doch was ihr im Leben fehlt, ist Leidenschaft. Als Annie in die bosnische Heimat ihrer Mutter reist, stolpert sie über ein Geheimnis aus deren Jugendzeit – eine große Liebesgeschichte, die sogar den Tod überdauert hat. Es ist eine Geschichte, die Ella Wünsche sehr am Herzen liegt, weil sie sich in ihrem Freundeskreis in den Neunzigern sehr ähnlich zugetragen hat.

Ein schmaler, ausgetretener Trampelpfad, der den Berg hinaufführt. Die Bäume erstrahlen in sattem Grün. Ein paar Senioren in Bademänteln grüßen uns. Ein kleiner Bunker schaut zwischen den Büschen hervor. Und dazu vereinzelte Sonnenstrahlen, die an diesem warmen Herbstnachmittag durch das Blätterdach hindurchbrechen. Von hier oben hat man den besten Ausblick auf den kleinen Kurort, mit seinen großen Hotelanlagen, die gerade wieder einmal ausgebaut werden. Ausländische Besucher denken bei Bosnien meist an mediterrane Landschaft, so wie etwa in Kroatien. Wenn sie dann hier ankommen, fällt ihnen auf, dass die bosnischen Berge in Wirklichkeit erstaunlich viel Ähnlichkeit mit dem Schwarzwald haben.

Ella Wünsche ist abwechselnd bei den Eltern in Deutschland aufgewachsen und hier bei Verwandten, im idyllischen Kurort.

»Kurz vor Kriegsausbruch hat mein Vater mich zurück nach Deutschland geholt. Meine Schulfreunde sind größtenteils geflohen, manche sind auch geblieben«, sagt Ella Wünsche.

Besonders ein Schicksal hat sie noch jahrelang bewegt, das einer guten Freundin. Im Buch bildet sie die Inspiration für „Marija“, die Anfang der Neunziger von einer Karriere als Sängerin träumt und in einer Nachwuchs-Rockband singt.

»Diese Zeit kurz vor dem Krieg, das war auch meine Jugendzeit. Damals hingen wir den ganzen Tag in Cafés herum, tranken Erdbeersaft, haben von Musikern geschwärmt und unsere Zukunftsträume gesponnen. Dass ausgerechnet in Bosnien ein Krieg ausbrechen könnte, wo damals der Nationalismus kaum ausgeprägt war, das hat lange niemand von uns Jugendlichen glauben wollen.«

Die 18-jährige Marija verliebt sich in den Mitdreißiger und Bandleader Keith. Der coolste Typ in der Kleinstadt, der schon die halbe Welt gesehen hatte und ein Kosmopolit war, er passte so gar nicht in das kleinkarierte Provinzleben.

»Diese Band gab es wirklich in meiner Jugendzeit. Und den Kerl, den hier alle nur Keith nannten. Wenn er nicht gerade in Bosnien war, reiste er durch die Welt und trieb sich in Rom und Paris und anderen europäischen Metropolen herum. Die Liebe zu meiner Freundin hat er nie erwidert, obwohl er sie immer nur Göttin nannte. Ich denke, weil seine Lebenserfahrung zwischen ihnen stand. Er nannte sie mal so rein wie Zigarettenpapier. Später hat er sich freiwillig für den Krieg gemeldet, was niemand so recht verstanden hat.«

»Als die Musik einsetzte, war sie immer noch nervös und hatte das Gefühl, dass sie keinen Ton herausbringen würde. Sie öffnete die Augen. Die jungen Leute schauten sie erwartungsvoll an, dann blickte sie zu Keith. Er lächelte sie an und nickte. Sie atmete ein und schloss wieder die Augen. Dann begann sie zu singen.
[...] Als der Refrain kam, fühlte sie sich wie entfesselt. Die ganze Aufregung war mit einem Mal verflogen. Sie genoss einfach nur den Moment.
In der kurzen Pause nach dem Lied sagte Keith: »Du rockst den Laden, Göttin!«
Er streichelte ihr übers Haar. Marija war überglücklich. [...]
Das Publikum tobte. Marija fühlte sich wie in einer anderen Welt. So hatte sie sich das Leben und das Singen vorgestellt, genau so. Mittendrin noch Keith. Die Fernsehnachrichten waren in diesem Moment sehr weit entfernt.«

aus »Der Duft von Erdbeersaft«

Er hatte die ganze Welt gesehen. Doch die wahre Liebe hat er zu Hause gefunden, in der Provinz. Auch wenn er diese Liebe nicht mehr ausgelebt hat.

»Die Leute, die mit ihm zusammen im Krieg waren, erzählen, dass er irgendwann immer mehr von seiner Marija erzählt hat. Doch er ist im Krieg geblieben.«

Auch die echte „Marija“, die heute wieder hobbymäßig in einer Band singt, beschäftigt die Geschichte immer noch so sehr, dass sie vor ein paar Jahren einen Song über den Unsterblichen geschrieben hat.

»Zum Glück geht es ihr heute gut. Sie führt ein glückliches Leben mit ihrer Familie und arbeitet in Den Haag als Dolmetscherin«, sagt Ella Wünsche, als wir den Berg hinab steigen und uns in eins der zahlreichen Cafés um das Kurgelände setzen.

Überall sitzen junge Leute herum, mitten am Tag, trinken ihren Mokka, essen Baklava und rauchen viel. Die Arbeitslosigkeit ist hoch in Bosnien, aber die meisten Menschen schaffen es, sich mit der Situation zu arrangieren. Mit schwarzem Humor und Kaffeebesuchen. So ist das echte Leben in Bosnien.

Warum sie häufig auf Begebenheiten zurückgreift, will ich von Ella Wünsche wissen.

»Es gibt Geschichten, die es wert sind, dass man sie nicht vergisst«, sagt die Autorin.

»Es sind immer Begebenheiten, die mich selbst berühren oder auch zum Lachen bringen, die ich aufgreife.«

Auch in ihrem ersten Roman »Das Leben ist (k)ein Brautstrauß«, kam die Inspiration für Miriam, die als Bedienung bei einem Caterer für ausländische Hochzeiten arbeitet und dabei selbst von der großen Liebe träumt, aus dem Bekanntenkreis.

»Eine Freundin von mir hat lange Zeit in einem ähnlichen Umfeld gearbeitet. Sie hat mir immer wieder gesagt: Das ist so verrückt, darüber musst du man mal ein Buch schreiben. Und irgendwann habe ich das auch getan.«

Neben großen Gefühlen kommt auch der Humor bei Ella Wünsche nicht zu kurz. »Bei der Geschichte der Hochzeitsbedienung, die ihren Traumprinz sucht, während sie kuriose Dinge bei Hochzeiten erlebt, war das einfach. Bei meinem neuen Roman sieht das natürlich anders aus. Trotzdem versuche ich immer, eine gewisse Leichtigkeit in meinen Geschichten herzustellen. Dabei helfen mir tatsächlich Figuren aus dem echten Leben. Menschen und Typen, die ich beobachte, und die nicht selten eine Rolle als Nebenfigur in einem Roman erhalten.«

Wir bezahlen und gehen noch ein bisschen spazieren. Am Nachmittag fahren wir in die Berge. Hinter sieben Hügeln gelangen wir zu einer kleinen, unscheinbaren Hütte, die tief im dichten Wald versteckt, an einem Bach liegt. Hier verbirgt sich eine der besten Forellen-Bratereien im großen Umkreis. Eigentlich hat der Imbiss Winterpause eingelegt. Es gibt nur eine Terrasse mit provisorischem Dach für die Gäste. Doch für den Besuch aus Deutschland haben die Besitzer den Grill noch einmal angeschmissen. Und so lassen wir unsere Mäntel eben an beim Essen. Nachdem der Raki und die Fische in großen Mengen auf dem Tisch stehen, setzen sich die Hausherren zu uns und erzählen Geschichten aus ihrem Leben.

Lauert hier schon die nächste Inspiration für einen Ella Wünsche Roman, will ich von der Autorin wissen?

»Vielleicht. Man kann nie wissen. Aber für den Moment genieße ich erst einmal das Essen. Die Forelle hier ist wirklich einmalig, nicht?«

Verborgene Träume, große Gefühle … ein Liebesroman über ein Familiengeheimnis.

Eigentlich hat Annie nur ein Ziel: So schnell und so gut wie möglich ihre Masterarbeit hinter sich zu bringen, nicht zuletzt um ihrer Mutter damit zu gefallen. Aber dann wird sie zur Hochzeit ihrer Cousine eingeladen und reist zum ersten Mal seit ihrer Kindheit wieder in die Heimat ihrer Familie. Dort angekommen entdeckt sie Geheimnisse aus der Jugend ihrer Mutter, die die sonst so distanzierte Frau in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen.

 

Außerdem lernt sie Milos kennen, ein rätselhafter Fremder mit einer gefährlichen Aura, um den sich jede Menge wilde Gerüchte ranken. Doch seine dunklen Augen rauben Annie den Schlaf. Soll sie der Versuchung nachgeben? Immer tiefer gerät Annie in einen Strudel aus Geheimnissen und großen Gefühlen. Die Kontrolle über ihr vorher so geordnetes Leben scheint ihr mit einem mal zu entgleiten.

Irgendwann muss sie sich entscheiden: Will sie ihr Glück mit beiden Händen ergreifen, dafür aber alles, was ihr bisher wichtig war aufgeben? Oder will sie lieber in ihr gewohntes sicheres Leben zurückkehren?

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